„Ja, dann kann ich auch einfach Spazieren gehen.“

Ein Satz, der mir immer wieder begegnet, wenn ich von Waldbaden (Shinrin – Yoku) erzähle und ganz ehrlich: Bevor ich Kursleiterin wurde, habe ich ihn selbst gedacht. Das sogar noch mit erhobener Augenbraue und Kopfsprengstoff „Oh nein, nicht wieder so ein Selbstoptimierungs-Quatsch.“ Ich, die Frau, die auch keine Zeit für Yogamatten-Rituale und grüne Smoothies hat. Heute weiß ich: Ich hatte keine Ahnung, was Waldbaden wirklich bedeutet und stand irgendwann schweigend vor einem Baum.

Früher habe ich mich beim Spazieren gehen mit meiner Herzensperson unterhalten oder war, wenn ich alleine unterwegs war, mit meinem ganz persönlichen Gedankenkarussell durch den Wald gefahren. Ich lief eine Strecke und war irgendwann wieder am Ausgangspunkt angekommen, ohne mitbekommen zu haben, was um mich herum passiert war. Wie hat der Wald heute gerochen? Welche Farben, welche Vögel, welche Spuren – da lief ich einfach dran vorbei.

Schon während ich meine Kursunterlagen zur Kursleiterin durchblätterte, merkte ich: Waldbaden (Shinrin-Yoku) ist was total anderes. (Was genau, erfährst du in [diesem Artikel]. 

Bei den ersten Waldbadenübungen hieß es dann auf einmal radikal langsam gehen, an Orten verweilen und erkunden, bewusst den Wald mit allen Sinnen genießen. Was für eine Erfahrung für mich. Ich wusste gar nicht, wie das geht, „langsam laufen“, denn ich gehöre definitiv nicht zu denen, die im Alltag durch die Straßen fegt. Eher zu denen, die noch beim Zähneputzen die Einkaufsliste im Kopf durchgeht. 

Mit der Zeit habe ich aber verstanden: Diese Langsamkeit ist kein netter Zusatz, sondern der eigentliche Kern des Waldbadens. Es gibt sogar japanische Studien dazu: Lässt man eine Gruppe im Wald gehen und eine andere in der Stadt, bei exakt gleicher Strecke, steigt nur bei der Waldgruppe die Aktivität bestimmter Immunzellen. Der Wald macht also den Unterschied, nicht die Bewegung. Noch besser: Reines Stehenbleiben und Schauen entspannt sogar mehr als das Gehen selbst – bei fast 80 % der Teilnehmenden aktivierte sich dabei der „Entspannungsnerv„, beim Gehen nur bei 65 %. Sprich: Faulsein ist wissenschaftlich belegt. Zumindest im Wald.

Aber was passiert eigentlich konkret beim Waldbaden, außer achtsames und langsames Gehen?

Ein Beispiel: Du ziehst eine Farbkarte und gehst damit 10 bis 15 Minuten schweigend durch den Wald, auf der Suche nach genau dieser Farbe in der Natur. Plötzlich entdeckst du Dinge, an denen du sonst einfach vorbeigelaufen wärst.

Manchmal wird es auch ganz handfest: Mit deinen Händen ertastest du Rinde, Moos, Steine, Blätter oder du nimmst sie in die Hand und riechst daran.

Warum lohnt sich dafür eigentlich eine Anleitung? Könnte ich das nicht auch einfach alleine machen?

Grundsätzlich: ja. Und trotzdem fällt es vielen schwer, dieses radikale Langsam Gehen einfach so für sich umzusetzen. Der Alltag steckt uns in den Knochen, wir sind es gewohnt, ein Ziel zu haben, eine Strecke zu schaffen, etwas zu erledigen. Eine Anleitung gibt dafür einen Rahmen: feste Zeit, klare kleine Übungen, die Erlaubnis, wirklich stehen zu bleiben, ohne das Gefühl zu haben, „ich kann doch hier im Wald nicht einfach eine Auszeit gönnen, wenn sich zu Hause noch die Wäsche stapelt“.

Kurz gesagt: Eine Anleitung erlaubt dir, was du dir allein oft nicht erlaubst. Bei mir hat es jedenfalls eine Ausbildung zur Kursleiterin gebraucht, bis ich kapiert habe, dass „nichts tun“ auch eine Aufgabe sein darf. Ironischerweise die schwerste von allen.

Falls du mir nicht glaubst, probier’s selbst aus:

Kleine Übung zum Ausprobieren: Langsames Gehen (am besten barfuß – wer schon mal auf eine Kastanie getreten ist, weiß: auch das ist eine Form von Achtsamkeit)

Du musst nicht auf einen Kurs warten, um einen ersten Eindruck vom Waldbaden zu bekommen. Probier diese kleine Übung einfach beim nächsten Waldspaziergang aus – sie dauert nur ein paar Minuten:

 

    1. Bleib stehen. Such dir ein Stück Weg. Kein Ziel, keine Uhr, kein Programm.

    1. Geh los – aber langsamer, als du denkst. Verlangsame dein Tempo auf vielleicht ein Viertel deiner normalen Geschwindigkeit. Jeder Schritt ein bewusster Schritt.

    1. Hebe deinen Fuß bewusst vom Boden ab. Setze zuerst mit den Zehen auf (so als würdest du den Boden vor dir vorsichtig abtasten), dann rolle vorsichtig über die Fußaußenseite und zum Schluss über die Ferse ab.

    1. Spür deine Füße. Wie fühlt sich der Boden an – weich, uneben, federnd?

    1. Lass deinen Blick wandern. Nicht nach vorne aufs Ziel, sondern nach unten. Was entdeckst du, das dir sonst entgeht?

    1. Wenn dich ein Gedanke wegzieht – und das wird passieren –, komm einfach zurück zu deinen Füßen. Kein Grund, dich zu ärgern. Das gehört dazu.

Du hast gerade erlebt, was den Unterschied zwischen Spazieren und Waldbaden ausmacht: nicht wie weit du kommst, sondern wie bewusst du bist. Und falls dir dabei trotzdem nur eingefallen ist, was du heute noch alles erledigen musst: Willkommen im Club. Ich bin Kursleiterin für Waldbaden und mir passiert das immer noch. Manchmal braucht der Kopf halt länger als die Füße, um langsamer zu werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert