
Journaling -Frage
Was bedeutet Freiheit für mich ganz konkret?
"Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten."
Jean-Jacques Rousseau
„Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“ – ein Zitat von Jean-Jacques Rousseau. Es ist der erste Satz des ersten Kapitels von „Der Gesellschaftsvertrag“. Weiter heißt es: „Manch einer glaubt, Herr über die anderen zu sein, und ist ein größerer Sklave als sie.“
Oft denke ich über den ersten Satz nach, so auch heute. Der allmorgendliche Kaffee steht frisch aufgebrüht neben mir, mein Duftdiffuser mit dem Duft „Shinrin-Yoku“ steigt mir in die Nase. Ja, wenn ich schon kein Waldbaden aktiv mache, dann doch passiv durch den Duft.
Der Urlaub und die Sehnsucht danach
Seit gut einer Woche bin ich nun wieder am Arbeiten und mit Wehmut denke ich an meine drei Wochen Urlaub zurück. Dieser Blick auf die Ostsee, mal war sie wild, mal total entspannt. Diese Weite. Den ganzen Urlaub über hatte ich nie eine Uhr um, keine Termine, keine Verpflichtungen. Ich konnte den Tag so gestalten, wie ich wollte. Ich vermisse diesen Zustand. Diesen Zustand von „Frei“heit.
Warum kann das nicht immer so sein?
Wieder kommt mir das Zitat „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“ als Gedanke in den Kopf.
Wie heißen meine Ketten?
Und dann, mitten im Nachdenken, fällt mir auf: Meine Ketten sind gar nicht so dramatisch, wie das Zitat klingt. Meine Ketten heißen „Wecker“. Heißen „Arbeitschichtschicht“. Heißen: „um 10:30 Uhr aus dem Haus“, weil um 12 Uhr die Kasse besetzt sein muss.
Ketten sind nicht dasselbe wie Fesseln
Aber Ketten sind nicht dasselbe wie Fesseln. Bei Ketten habe ich noch Spielraum, kann mich bewegen, kann immer wieder prüfen: Will ich das wirklich? Und wenn nicht, kann ich umdrehen, rausgehen. Fesseln lassen das nicht zu, da ist man bewegungsunfähig. Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied, den ich für mich immer wieder überprüfen muss: Trage ich gerade Ketten oder schon Fesseln?
Wenn ich ehrlich bin: Bei der Arbeit selbst spüre ich eher Fesseln. Da wird mir alles vorgegeben, kein Spielraum, keine eigene Entscheidung. Und genau das lässt einen Unmut in mir hochsteigen, der langsam lauter wird.
Die Einbahnstraße mit meinem Arbeitgeber
Das merke ich besonders bei meinem Arbeitgeber. An sich ist da nichts Schlechtes dran, aber es besteht eben immer eine Abhängigkeit und die läuft nur in eine Richtung. Mein Arbeitgeber fragt mich, ob ich morgen einspringen kann, und die Entscheidung liegt formal bei mir. Andersherum passiert das nie. Kein Arbeitnehmer geht zu seinem Arbeitgeber und fragt: „Ist es für Sie okay, wenn ich morgen zu Hause bleibe?“ Diese Einbahnstraße ist mir noch nie so deutlich aufgefallen wie beim Nachdenken über dieses Zitat.
Alte Ketten ablegen, neue wählen
Ich will hier nicht so tun, als hätte ich das alles schon fertig sortiert. Ehrlich gesagt: Ich glaube, ich muss mir meine einzelnen Lebensbereiche noch mal ganz genau anschauen: Wo bin ich wirklich frei und wo trage ich Ketten, die ich mir selbst nicht mehr eingestehe? Das ist eine Baustelle, die ich noch nicht abgeschlossen habe. Und vielleicht muss sie das auch gar nicht sein.
Was ich aber merke: Der Wunsch nach Veränderung wird lauter. Ich will nicht mehr ohne jede Kette sein, das wäre wahrscheinlich sowieso eine Illusion. Aber die alten, rostigen Ketten, die ich schon viel zu lange trage, will ich ablegen. Und ja, ich weiß: Da, wo alte Ketten fallen, müssen irgendwann neue her, nur eben welche, die ich mir selbst ausgesucht habe und die noch genug Spielraum lassen, um „Ketten“ zu bleiben und nicht zu „Fesseln“ zu werden.
Rousseaus zweiter Satz geht ja noch weiter: „Manch einer glaubt, Herr über die anderen zu sein, und ist ein größerer Sklave als sie.“ Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieses Vormittags: Freiheit zeigt sich nicht darin, wie viel Macht ich über andere habe, sondern darin, wie ehrlich ich mit dem umgehe, was mich selbst hält.
Und du?
Und jetzt bist du dran: Wenn du dir ein einziges Bild aussuchen müsstest, das deine Freiheit zeigt, kein großes Wort, nur ein Bild, welches wäre es? Dein Vormittag? Ein Ort? Ein Moment, in dem du „Nein“ gesagt hast?
Nimm dir einen Moment. Schreib es auf, für dich, nicht für andere.