
Wissen
Nach einer längeren Pause widme ich mich endlich wieder meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin. Draußen verändern die Blätter langsam ihre Farbe. Manche sind noch grün, andere schon gelb, braun oder orange.
Auf dem Plan steht heute „Die 10 phänologischen Jahreszeiten“. 10? Wieso 10? Es gibt doch nur vier: Winter, Frühling, Sommer und Herbst. Oder doch nicht?
Sofort tauchen Fragen auf: Wann ist eigentlich Frühlingsanfang? Am 1. März, weil die Meteorologen das so festgelegt haben? Oder am 20. März, weil es im Kalender steht? Die Antwort hat mich überrascht: weder noch. Die Natur entscheidet selbst.
In diesem Beitrag nehme ich dich mit auf meine Entdeckungsreise. Du erfährst, was hinter dem sperrigen Wort steckt, woran du die zehn Jahreszeiten erkennst und warum alte Bauernregeln dabei eine Rolle spielen.
Was bedeutet Phänologie überhaupt?
Ich habe dieses Wort vorher noch nie gehört. Aussprechen kann ich es bis heute nur langsam und sehr konzentriert.
„Phänologie“ ist die „Lehre der Erscheinungen“. Sie beobachtet, was sich in der Natur jedes Jahr wiederholt: wann eine Pflanze zu blühen beginnt, wann die Blätter austreiben, wann die Früchte reif sind und wann sich das Laub färbt.
Ich spüre plötzlich so etwas wie Demut. Ich habe das alles immer als selbstverständlich hingenommen und diesen Kreislauf gar nicht mehr wahrgenommen. Bis jetzt.
Was mich am meisten fasziniert: Auf das Datum kann man sich nicht verlassen, auf die Reihenfolge schon. Die Hasel blüht vor der Forsythie, und der Holunder blüht, bevor die Linden duften. Egal ob das Frühjahr nach einem langen Winter spät kommt oder nach einem milden Winter früh.
Genau das ist der große Vorteil des phänologischen Kalenders. Er funktioniert überall, im Alpenvorland genauso wie an der Ostsee oder bei mir in Berlin-Köpenick. Man muss nur hinschauen.
Und genau das werde ich jetzt tun. Aber nicht nur mit den Augen: Ich will auch riechen, tasten und lauschen und mich ganz auf diesen Kreislauf einlassen.
Ein kleiner Blick zurück
Schlagartig wird mir bewusst: Bauern und Gärtner haben seit jeher nach der Natur gearbeitet und mit ihr gelebt. Sie hatten keine Wetter-App, sondern ihre Augen, ihre Erfahrung und das Wissen ihrer Eltern und Großeltern. Viele Bauern- und Gärtnerregeln sind nichts anderes als gesammelte Beobachtungen, weitergegeben über Generationen.
Fünf überlieferte Bauernregeln, die mir besonders gefallen
- „Blüht die Eiche vor der Esche, gibt es eine große Wäsche. Blüht die Esche vor der Eiche, gibt es eine große Bleiche.“ Blüht die Eiche zuerst, wird der Sommer nass. Blüht die Esche zuerst, wird er trocken.
- „Wenn sich Sankt Walburgis zeigt, der Birkensaft nach oben steigt.“ Das ist Ende April, mitten im Vollfrühling.
- „Sankt Kosmas und Sankt Damian fängt das Laub zu färben an.“ Der Namenstag der beiden ist Ende September, also genau jetzt. Ein Blick aus dem Fenster genügt, und ich weiß: Die beiden hatten recht.
- „Viel Eicheln im September, viel Schnee im Dezember.“
- „Wenn Bucheckern geraten wohl, Nuss- und Eichbaum hängen voll, so folgt ein harter Winter drauf, und es fällt der Schnee zuhauf.“
Ob diese Wetterprophezeiungen stimmen? Wissenschaftlich belegt sind sie nicht. Ich sehe sie eher als liebevolle Erinnerung daran, wie genau unsere Vorfahren hingeschaut haben.
Die Eicheln, die mir diese Woche in Köpenick vor die Füße fallen, werde ich mir auf jeden Fall merken. Wir sprechen uns im Dezember!
Fünf Gärtnerregeln nach dem phänologischen Kalender
- Wenn Hasel und Schneeglöckchen blühen, können Radieschen, Spinat und Erbsen ins Freiland gesät und die Obstbäume geschnitten werden.
- Wenn die Forsythie blüht, ist die richtige Zeit für den Rosenschnitt und die Frühkartoffeln.
- Wenn der Apfelbaum blüht, dürfen Rettich und Zuckermais in die Erde.
- „Pflanze nie vor der Kalten Sophie“: Wärmeliebende Pflanzen wie Bohnen, Gurken und Kürbis kommen erst nach den Eisheiligen Mitte Mai ins Beet.
- Wenn die ersten Frühäpfel reif sind, werden Feldsalat, Knoblauch und Winterrettich gesät.
Das Schöne daran: Diese Regeln richten sich nicht nach dem Datum, sondern nach dem, was draußen passiert. Kommt der Frühling früh, blüht die Forsythie früh, und die Rosen werden eben früher geschnitten.
Vom Bauernwissen zur Wissenschaft
Was als Erfahrungswissen begann, ist heute eine richtige Wissenschaft:
- In Kyoto in Japan wird die Kirschblüte seit dem Jahr 812 aufgezeichnet. Das ist die längste Beobachtungsreihe der Welt.
- Carl von Linné gründete 1751 das erste organisierte Beobachtungsnetz, mit 18 Stationen in ganz Schweden. Er gilt als Vater der Phänologie.
- In Deutschland sammelt heute der Deutsche Wetterdienst diese Beobachtungen, mit Hilfe vieler Ehrenamtlicher, die einfach gerne rausgehen und genau hinschauen.
Irgendwie ein schöner Gedanke, dass ich mit meinem Blick auf die Eicheln in einer ziemlich langen Tradition stehe.
Die 10 phänologischen Jahreszeiten im Überblick
Jede Jahreszeit hat ihre Zeigerpflanzen. Das sind Pflanzen, deren Blüte oder Frucht dir sagt: Jetzt ist es so weit. Die Zeiträume sind nur grobe Richtwerte. Maßgeblich ist, was draußen passiert.
- Vorfrühling (etwa Februar bis Anfang März) Die Haselnuss stäubt, Schneeglöckchen, Krokus, Schlüsselblume und Leberblümchen zeigen sich.
- Erstfrühling (Mitte März bis Ende April) Die Forsythie leuchtet gelb, dazu Tulpe, Narzisse, Hyazinthe und die Blüte von Kirsche und Birne.
- Vollfrühling (Ende April bis Ende Mai) Der Flieder duftet, Apfelbaum und Rosskastanie blühen, dazu Bärlauch, Maiglöckchen und Waldmeister.
- Frühsommer (Ende Mai bis Mitte Juni) Mein persönliches Highlight: Der Schwarze Holunder blüht. Außerdem Wildrose, Robinie, Mohn und Weißdorn.
- Hochsommer (Mitte/Ende Juni bis Ende Juli) Die Linden duften, die Wegwarte zeigt ihr Himmelblau, Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren sind reif.
- Spätsommer (August) Das Heidekraut blüht, Frühäpfel, Mirabellen und Pfirsiche werden reif.
- Frühherbst (Ende August bis Mitte September) Die Herbstzeitlose blüht, die Holunderbeeren werden dunkel, Wildobst wie Hagebutte, Kornelkirsche, Sanddorn und Weißdorn reift.
- Vollherbst (Mitte September bis Mitte Oktober) Die Astern blühen, Eicheln, Walnüsse und Bucheckern fallen, das Laub färbt sich und Rosskastanien liegen am Boden.
- Spätherbst (Mitte Oktober bis Mitte November) Eberesche und Rosskastanie färben sich, Schlehe, Hagebutte und Weißdorn tragen Früchte, der Laubfall beginnt.
- Winter (Ende November bis Ende Februar) Die Eiche steht kahl, fast alles ruht. Nur Zaubernuss, Seidelbast und Christrose trauen sich zu blühen.
Meine Eselsbrücke: Der Deutsche Wetterdienst nutzt pro Jahreszeit genau eine Leitpflanze: Hasel, Forsythie, Apfel, Holunder, Linde, Apfel, Holunder und dann dreimal die Eiche. Apfel und Holunder tauchen zweimal auf, einmal mit Blüte und einmal mit Frucht. Wer sich nur diese Pflanzen merkt, weiß schon ziemlich genau, wo wir im Jahr stehen.
Übrigens: Nicht jede Zeigerpflanze ist zum Sammeln da. Herbstzeitlose und Seidelbast sind hochgiftig. Anschauen ja, pflücken nein.
Wo stehen wir gerade?
Während ich diesen Beitrag schreibe, ist Ende September, also mitten im Vollherbst. Auf meinen Runden durch Köpenick und Friedrichshagen knirschen die Eicheln unter den Schuhen, die Kastanien glänzen im Laub und die ersten Blätter werden gelb und rot. Die Astern blühen noch einmal in voller Pracht.
Meine kleine Einladung an dich: Geh diese Woche raus und such dir eine Zeigerpflanze. Vielleicht eine Eiche in deiner Nähe. Schau sie dir jetzt an, dann wieder, wenn sich das Laub färbt, und dann, wenn es fällt. Du wirst sehen, wie du mit ihr zusammen durchs Jahr gehst.
Wenn du magst, führ dazu ein kleines Naturtagebuch: Datum, Pflanze, was du siehst. Nach ein, zwei Jahren hast du deinen ganz persönlichen phänologischen Kalender. Nicht perfekt, sicher mit Lücken, aber: Hauptsache, du fängst einfach mal an.
Und jetzt bin ich neugierig: Welche Zeigerpflanze entdeckst du gerade vor deiner Haustür? Schreib es mir gerne in die Kommentare!
Quellen: Kursunterlagen der wild.wuchs.Natur Akademie (Checkliste Phänologie, Sammelkalender), Deutscher Wetterdienst (Phänologische Uhr, Thema des Tages „Phänologie im Klimawandel“), GeoSphere Austria (Geschichte der Phänologie), Bauernregeln nach frauvonwald.at, Gärtnerregeln nach smarticular.net.